Am Donnerstag, den 2. Juli begann ein neues Bikepacking und Ultracycling Abenteuer, eine besondere Reise durchs ganze Land, von Flensburg im Norden nach Garmisch im Süden. Und das mit dem Rennrad, Nonstop und wenig Schlaf, mein erstes raceacrossgermany!
Die Anreise war einfach, ich stieg in Hamburg in den RE nach Kiel / Flensburg und suchte mir einen Platz für das Rad. Die Radstellplätze waren schon sehr belegt, der Zug war voll mit anderen Teilnehmern.
Nach zwei Stunden erreichten wir Flensburg, radelten zum Start und akkreditierten uns. Ich checkte im Hotel ein. und ging später zum wieder zum Start um schon mal Rennluft zu schnuppern.

Um 7:32 Uhr am Freitag, den 3. Juli ging es für mich in Flensburg los. Leider funktionierte mein GPS zunächst nicht, sodass mein Mitfahrer die Navigation übernahm, bis ich das Problem in den Griff bekam. Das war erst einmal ziemlich stressig.
(Mein Garmin stand tatsächlich auf Indoor, somit war das GPS deaktiviert. 🫣)
Aus Flensburg heraus lief es dann gut. Um diese Uhrzeit war noch wenig Verkehr unterwegs, auch wenn es wegen Ampeln und Kreuzungen einiges an Start-Stopp gab, die Verkehrsregeln gelten schließlich auch für uns.

Außerhalb der Stadt wehte ein kräftiger Wind aus WNW. Da wir überwiegend Richtung Süden fuhren, schob er uns angenehm an. Tempo und Energie stimmten, und bis Kiel verlief alles erstaunlich entspannt. Einige Abschnitte kannte ich bereits von Touren rund um die Schlei und Eckernförde.
Durch Kiel selbst ging es nicht, sondern eher am Stadtrand entlang. Das funktionierte mit dem Autoverkehr überraschend gut. Danach führte die Strecke an Bad Segeberg vorbei und weiter durch Bad Oldesloe. Dort legte ich einen kurzen Stopp am Supermarkt ein und besorgte zwei 1,5-Liter-Flaschen Wasser.
In einer leeren Flasche hatte ich bereits 300 Gramm Kohlenhydrate vorbereitet – im Verhältnis 1 Teil Fructose zu 3 Teilen Maltodextrin. Den Inhalt verteilte ich auf zwei Flaschen und füllte sie mit Wasser auf. Zwei weitere Flaschen enthielten nur Wasser. Der Plan war, auf 200 Kilometern zwei dieser Kohlenhydratflaschen zu trinken, dazu reichlich Wasser und den restlichen Energiebedarf mit Snacks, Cola, Saft und Ähnlichem zu decken. Rückblickend ging diese Rechnung gut auf.
Leider verlor ich schon nach etwa zehn Kilometern eine der Flaschen. Kurz musste ich meinen Plan überdenken. In Bilderlahe hatte ich zwar drei Beutel mit jeweils 300 Gramm Kohlenhydraten deponiert, dort gab es eine Station für Eigenverpflegung und ich konnte die fehlenden Kohlenhydrathe wieder auffüllen. Dennoch brauchte ich eine vierte Flasche umd immer genug Wasser zu haben, denn nachts gibt es wenige Möglichkeiten zum Auffüllen und lange suchen wollte ich im Dunkeln auch nicht. Deshalb machte ich in Lauenburg noch einen kurzen Abstecher zu einem Fahrradladen, etwa einen Kilometer abseits der Strecke, und kaufte mir eine vierte Flasche.
Damit war die erste Etappe geschafft.
Am Ende jeder Etappe muss man sich virtuell einchecken. So standen schließlich einige Fahrer auf der Brücke über die Elbe und absolvierten dort ihren ersten Check-in.
Laut Streckenplanung lagen nun bereits 252 Kilometer und rund 1.100 Höhenmeter hinter mir. Offenbar spielte der Wind perfekt mit, denn trotz der Distanz zeigte mein Tacho noch immer einen 28er-Schnitt an. Von Lauenburg aus ging es mit leichtem Rückenwind weiter Richtung Bilderlahe. Die zweite Etappe sollte 213 Kilometer lang sein und weitere rund 900 Höhenmeter bereithalten.

Auch diese Etappe lief erstaunlich gut. Ich konnte ein konstant hohes Tempo fahren und ordentlich Strecke machen. Unterwegs holte mich Helen ein, die ich bereits in der Bahn nach Flensburg kennengelernt hatte. Wir plauderten eine Weile. Am Vorabend hatten wir gemeinsam mit Kiron, Fabian und einigen anderen noch den Start der Abendstarter verfolgt und waren anschließend zusammen Pasta essen gegangen.
In Bienenbüttel füllte ich meine Wasservorräte auf und gönnte mir ein paar Snacks. Besonders beeindruckt hat mich der Zusammenhalt unter den Teilnehmern. Supporter anderer Fahrer passten selbstverständlich auf mein Rad auf, und immer wenn ich irgendwo anhielt, wurde mir sofort Hilfe angeboten. Diese Hilfsbereitschaft war wirklich großartig.
Als es langsam dunkel wurde, tauchte in der Lüneburger Heide plötzlich Kiron neben mir auf. Wir fuhren einige Kilometer gemeinsam, unterhielten uns und ich erzählte ihm von meiner verlorenen Kohlenhydratflasche. Da grinste er nur und sagte: „Ich habe sie gefunden und mitgenommen – man weiß ja nie, ob sie jemand noch braucht.“ Ich konnte mein Glück kaum fassen. Damit war meine Verpflegungsplanung wieder komplett und ich hatte genug Kohlenhydrate für den Rest der Tour dabei. Mehr Glück konnte man eigentlich kaum haben – dachte ich zumindest. Doch es sollte noch besser kommen.
Etwa 30 Kilometer vor Bilderlahe war ich völlig erschöpft. Meine Augen brannten und ich merkte, dass ich unbedingt schlafen musste. An einem kleinen Hafen entlang eines Kanals fand ich einen ruhigen Platz, etwas abseits der Straße. Ich legte mich auf eine Wiese und schlief sofort ein. Nach etwa 15 Minuten wurde ich allerdings wieder wach – es war inzwischen eisig kalt geworden. Also zurück aufs Rad und weiter. Es dauerte eine Weile, bis mir wieder warm wurde, doch die kurze Pause hatte geholfen: Die Müdigkeit war verschwunden und die Beine fühlten sich wieder erstaunlich gut an.

Kurz vor dem Checkpoint gönnte ich mir in Bilderlahe noch einen weiteren 20-minütigen Powernap in einer Bushaltestelle. Anschließend rollte ich die letzten Meter zum Checkpoint und erreichte ihn um 4:40 Uhr.
Am Checkpoint waren alle Eigenverpflegungen deponiert. Außerdem gab es Snacks, Bananen und reichlich Wasser. Ich sammelte meine Verpflegung ein, stärkte mich kurz und machte mich wieder auf den Weg. Inzwischen dämmerte es bereits, und mit dem Tageslicht kam auch neue Energie.
Beim ersten Bäcker, den ich unterwegs entdeckte, gönnte ich mir erst einmal einen heißen Kaffee, ein Franzbrötchen mit Zimt und Zucker sowie ein Croissant. Ich nutzte die Gelegenheit, mich im Waschraum frisch zu machen. Gut gestärkt und deutlich erholter ging es anschließend weiter.

Die nächste Etappe hatte es allerdings in sich. Es ging ständig auf und ab. Garmin kündigte rund 20 Anstiege an – jeder zwischen 1,5 und 3 Kilometern lang. Nach den bereits absolvierten Kilometern war das eine echte Herausforderung. Rückblickend war dieser Abschnitt der mit Abstand härteste der gesamten Tour.
Gleich nach Heilbad Heiligenstadt wartete beispielsweise eine besonders fiese Rampe, die sich scheinbar endlos den Berg hinaufzog. Immerhin wurde die Quälerei anschließend mit einer herrlichen Abfahrt belohnt. Unterwegs begegnete ich immer wieder anderen Leidensgenossen. Manchmal fuhren wir ein paar Kilometer gemeinsam, unterhielten uns und motivierten uns gegenseitig. Doch jeder hatte sein eigenes Tempo und seine eigene Strategie, sodass sich unsere Wege nach kurzer Zeit meist wieder trennten.
Kurz hinter Eschwege passierte dann das, wovor ich die ganze Zeit Angst gehabt hatte: Mein Hinterrad war irreparabel defekt. Der Reifen war komplett durch, ein Stück der Lauffläche fehlte einfach. Als ich den Schaden begutachtete, sah ich meine Tour schon vor dem Aus. Zwar sollte es in Eschwege einen Fahrradladen geben, doch an einem Samstagnachmittag rechnete ich nicht mehr damit, dort Hilfe zu bekommen.
Ich versuchte zunächst, den Schaden mit einem Stück alten Schlauchs zu beheben, welches ich zwischen Schlauch und Reifen legte. Eine echte Notlösung, leider keine besonders gute. Während ich noch überlegte, wie es weitergehen sollte, hielt ein anderer Fahrer an und fragte, was passiert sei. Nachdem ich ihm den beschädigten Reifen gezeigt hatte, meinte er ganz selbstverständlich: „Ich habe noch einen Ersatzmantel dabei. Den kannst du haben.“
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Thomas wollte nicht einmal etwas dafür haben. Vielen Dank dafür! Ebenso möchte ich mich bei den hilfsbereiten Menschen aus dem kleinen Dorf bedanken, dessen Namen ich leider vergessen habe. Sie versorgten mich mit Wasser und stellten mir sogar eine Standpumpe zur Verfügung. Solche Begegnungen machen eine Tour wie diese zu etwas Besonderem.

Mit neuem Reifen und neuem Mut erreichte ich schließlich um 15:49 Uhr den Checkpoint in Berka/Werra.

Von dort ging es weiter auf Etappe 4 durch die Rhön. Bevor der nächste längere Anstieg begann, gönnte ich mir erst einmal ein Eis und natürlich einen weiteren Kaffee. Die Strecke ließ sich angenehm fahren, der Verkehr hielt sich in Grenzen und insgesamt begegneten mir die Autofahrer sehr rücksichtsvoll. Konflikte gab es während der gesamten Tour nur wenige.
Am Nachmittag legte ich erneut einen kurzen Powernap ein. Ich suchte mir eine Wiese etwas abseits der Straße, schlief sofort ein und wurde nach etwa zehn Minuten von einem Autofahrer geweckt. Er hatte sich Sorgen gemacht und wollte wissen, ob alles in Ordnung sei. Nachdem ich ihm versichert hatte, dass ich nur kurz schlafen wollte, wünschte er mir eine gute Weiterfahrt. Ich fand diese Aufmerksamkeit wirklich bemerkenswert und habe mich sehr darüber gefreut
Irgendwann gegen ein Uhr nachts führte die Strecke durch ein kleines Dorf, in dem ich zu einer spontanen „Race Across Germany – Party“ eingeladen wurde. Die Familie eines anderen Fahrers hatte ihren Hof für alle Teilnehmer geöffnet. Es gab Kaffee, Cola, etwas zu essen, Toiletten und sogar die Möglichkeit, Akkus aufzuladen. Ich blieb etwa 20 Minuten, stärkte mich und machte mich anschließend wieder auf den Weg.

Die Nacht bestand erneut aus einem Wechsel von Fahren und kurzen Powernaps. Immer wieder legte ich mich für zehn bis fünfzehn Minuten auf eine Bank oder in eine Bushaltestelle, fuhr anschließend etwa eine Stunde weiter und wiederholte das Ganze. Viele andere machten es genauso. Immer wieder sah ich die Wohnmobile der supporteten Fahrer (gut zu erkennen an den Aufklebern) oder Solofahrer, die irgendwo am Straßenrand ein paar Minuten Schlaf suchten.
Um 2:59 Uhr erreichte ich den Checkpoint in Kitzingen. Der letzte Tag hatte begonnen und als schließlich die Sonne aufging, war das ein echter Motivationsschub.
Kurz vor Ansbach fand ich dann erneut einen Bäcker und ich machte mich frisch, verpflegte mich und ging die letzte Etappen 300km. Ich hatte nachts gerechnet (das hat tatsächlich noch funktioniert). Meine Rechnung ging so: Wenn ich gegen 2 Uhr nur noch 300km übrighabe, würde ich bis 19 Uhr noch genug Zeit haben, um das Limit von 59 Stunden zu schaffen.
Leider war es nun doch später geworden und ich musste mich beeilen, um das Zeitlimit noch zu erreichen. Der Wind war wieder günstig und ich fuhr mit ordentlichem Tempo durchs noch recht flache Land. Langsam wurde es allerdings warm, der Wind ließ nach und die Höhenmeter nahmen zu.

Um 11:51 Uhr checkte ich in Mauren ein.
Das Zeitlimit war nicht mehr in Aussicht, das war mir aber inzwischen auch egal. Ich hatte mich nun in allem selbst übertroffen; längste Strecke und längste Zeit auf dem Rad an einem Stück und unverletzt und ohne Unfall und immer noch Kraft in den Beinen, das ist und war es, was ich erreichen wollte und nun geschafft hatte. Nun galt es, das Rennen zu Ende zu fahren, Zeitlimit hin- oder her.
Allerdings ist diese Rechnung nun noch offen 😉
Endlich, um 16:46 Uhr, kam ich in Moorenweis an. Die letzte Etappe stand bevor und diese sollte auch noch Überraschungen bereithalten.
Zunächst gab es recht viel Verkehr an den Seen, viele Leute hatten dort offenbar den Sonntag verbracht und waren unterwegs. Es wurde recht stressig und gab die eine oder andere brenzlige Situation und später noch einige Kilometer auf Schotter, aber auch das war ganz okay und ging ohne weiteren Platten vorüber.

Kurz nach Weilheim zog ein Gewitter auf. Ich hatte schon seit einigen Kilometern Begleitung von Daniel und Holger. Beide waren bereits am Donnerstagabend in Flensburg gestartet, als Zweierteam, supportet. Sie waren längst über ihr Zeitlimit drüber, waren aber alle Etappen zusammengefahren und hatten sich nicht abgewechselt, wie es eigentlich gedacht ist.
Daniel und ich stellten uns unter und warteten das Gewitter ab. Wegen der nassen Straßen beschlossen wir, dass wir den Rest zusammenfahren wollten. Wir starteten also auf die letzten Kilometer, sammelten Holger ein, der in einem Bulli untergekommen war und fuhren zu Dritt nach Garmisch.

Der Regen nahm wieder zu und es war echt brutal, im Halbdunkel bei Regen (und das war nicht nur Regen, es hat gegossen wie aus Kübeln) über die Bundesstraße zu ballern, eng überholt zu werden, Wasser von oben, von vorn, von den Autos. Ich war lange nicht mehr so nass gewesen.
Endlich kamen wir aber in Garmisch an und Chrissy wartete im Ziel und nahm mich in Empfang.
Ich kam also nach 61:58 Stunden, 1132 Kilometern und 8697 Höhenmetern ins Ziel, ein großartiges Gefühl war das.
Im Ziel (das war im Hotel Garmischer Hof) gab es eine heiße Dusche und etwas zu Essen. Wir bestellten uns ein Taxi, welches uns und die Räder zum Campingplatz brachte.
Ganz vielen Dank an meine Supporter, in WhatsApp, Signal und im Tracker. Das hat sehr geholfen und motiviert!
Statistik
Gesamtzeit brutto: 61:58 Stunden
Bewegungszeit laut Tracker: 56:57 Stunden
Fahrzeit laut Garmin: 48:21 Stunden
Schnitt laut Garmin: 23,4 km/h
Zeit für Reparaturen: 1 Stunde
Zeit zum Abwarten des Gewitters: 30 Minuten
Zeit geschlafen: Etwa 3 Stunden in Summe
Strecke: 1132 Kilometer
Höhenzunahme: 8697m
Kalorienverbrauch: 27300 laut Garmin
Essen
Kohlenhydrathe im Verhältnis 1 Teil Fructose zu 3 Teilen Maltodextrin, 10 Snickers, 4 Powerbar Powershots, 1 Franzbrötchen, 1 Croissant, 3 Kugeln Eis, ein Capri, 1 Laugenbretzel 1 Mohnschnecke, 1 Banane, 1 Tüte Salamisticks und eine Tafel Schokolade (Überlebenszeit 10 Sekunden, dann war sie weg). Dazu gab es einige Kaffee, eine Cola und reichlich Wasser, etwa 12-15 Flaschen á 0,75l.





